„Es gibt Anlässe, da bin ich wirklich stolz auf unsere Landeskirchen!“

Volker Steinbrecher ist Beauftragter der evangelischen Landeskirche in Baden und Württemberg bei Landtag und Landesregierung. Seit August 2011 ist er im Amt. Er liebt seine Arbeit und ist viel beschäftigt. Doch wirklich bekannt ist seine Tätigkeit nicht. Volker Steinbrecher im Interview mit Christian Könemann, Pressesprecher der Diakonie Baden.

Volker Steinbrecher
© Diakonie Baden

Volker Steinbrecher

Herr Steinbrecher, welche Landeskirche stellt den Beauftragten?

Immer abwechselnd: mal Württemberg, mal Baden.

Sie vertreten beide Landeskirchen. Funktioniert das?

Ich bin Nordfriese. Der Steinbrecher denkt, wenn er in Württemberg unterwegs ist, immer die Badener mit und umgekehrt auch. Das stiftet auf beiden Seiten Vertrauen.

Wie kamen Sie zu Ihrem Amt?

Beim Studium in Hamburg habe ich meine Frau kennengelernt. Sie kommt aus Württemberg und so bin ich mit ihr in ihre Heimat gegangen. Ich habe mein Vikariat in Heilbronn gemacht und ging 2001 als Studienleiter zur Evangelischen Akademie Bad Boll. Dort war ich für Sport und Tourismus zuständig. 2011 habe ich mich dann auf meine jetzige Stelle beworben. Ich denke, ausschlaggebend für meine Wahl war, dass ich bereits an der Nahtstelle Kirche und Gesellschaft Erfahrungen gesammelt hatte , auch im Umgang mit  Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Und da hat man wohl gedacht, ich krieg das hin mit der Politik.

Sind Sie ein politischer Mensch?

Ja. Ich komme aus der Anti-AKW-Ecke. Zusammen mit den Friedensdemos ist das meine politische Heimat. Durch einen Aufenthalt in Brasilien kamen die Themen Armut und Globalisierung hinzu. Das sind Fragen gewesen, die mich auch schon ganz früh theologisch beschäftigt haben. Befreiungstheologie ist etwas, mit dem ich groß geworden bin. Das hat sich eigentlich fortgesetzt bis hin in meine Arbeit bei der Akademie.

Ich bin aber nicht parteipolitisch aktiv oder gebunden. Das könnte ich mir gar nicht vorstellen. Zum meinem jetzigen Amt gehört ein überparteiliches Auftreten. Da wäre ein Parteibuch sehr hinderlich, finde ich.

Wie sieht Ihre Arbeit konkret aus?

Mich gibt es ja in jedem Bundesland, mich gibt es auf Bundesebene und auf Europaebene.

Die Kirchen haben irgendwann mal gesagt, wir bieten denen, die Verantwortung für unser Land tragen seelsorgerliche Begleitung. Das ist auch ein Signal der Kirchen an die Politik: wir wertschätzen Eure Arbeit und wir kümmern uns um Euch. Klassischerweise suchen Abgeordnete meine Hilfe bei den Themen Familie und Beruf und Leben in der Öffentlichkeit. Das Leben in der Öffentlichkeit ist oft eine große menschliche Herausforderung. Als Abgeordneter bekommt man eine Öffentlichkeit, die man sonst nicht hat. Und man ist wochenweise weg von der Familie. Ein zweiter Arbeitsbereich neben der Seelsorge ist die Beratung. Ich berichte einmal im Monat in den Kollegien der Landeskirchen über meine Wahrnehmungen in der Landespolitik. Da wird mein Rat von Seiten der Kirche gefragt. Und ich berate die Politik. Ein Beispiel: Die Landesregierung wollte in der zurückliegenden Legislatur die Bestattungsregelung ändern. Es gibt immer mehr Muslime, die hier bestattet werden wollen, aber wir haben die Sargpflicht. Da wurde im Vorfeld gefragt,<s> und fragte im Vorfeld</s> ob die Kirchen etwas dagegen hätten. Hatten wir gar nicht. Und dann, als drittes Arbeitsfeld gibt es noch die protokollarischen Fragen im Umgang zwischen Kirche und Politik. Da gibt es immer wieder Anlässe, wo Kirche und Staat etwas gemeinsam machen, z.B. beim Tag der deutschen Einheit oder bei runden Geburtstagen und Empfängen des Landes. Solche Dinge landen bei mir.

Warum ist die Verbindung zwischen Kirche und Politik wichtig?

Unser Selbstverständnis als Kirchen ist es natürlich, in die Gesellschaft hineinwirken zu wollen. Um diesen Anspruch umsetzen zu können ist mein Amt wichtig. Im Prinzip geht es um Kontaktpflege. Es ist meine Aufgabe, dass die Verbindungen zwischen unseren Gremien und denen der Landespolitik nicht versiegen sondern im Fluss bleiben. Schließlich wollen wir Kirchen auch als wichtige gesellschaftliche Akteure von der Landespolitik wahrgenommen werden.

Nimmt Politik Kirche denn so wahr?

Das gelingt zum Teil. Das hängt zum einen an Parteien, zum anderen aber an Themen. Bei allen Fragen, die mit Lebensanfang und Lebensende zu tun haben, misst man Kirche eine hohe Kompetenz bei und hört den Kirchen zu. Allerdings heißt zuhören nicht automatisch erhören. Bei der Einführung von Trisomie 21-Schnelltests war eine Mehrheit der Landespolitiker für eine Einführung und argumentierte mit der Stärkung der Selbstbestimmung von Frauen. Wir Kirchen aber waren und sind bis heute gegen diese Schnelltests, weil aus unserer Sicht so ein Test eine Selektion vorantreibt, die uns nicht gut tut als Gesellschaft. Bei anderen Themen sind die Kirchen für die Politik interessanter Gesprächspartner wegen ihres engmaschigen Netzwerks und ihrer Größe. Immerhin repräsentieren die Kirchen noch 70 Prozent der Bevölkerung in Baden-Württemberg. Wenn die Kirchen also beschließen, die Dienstwagenflotte im Bereich der Pflegedienste auf Elektroautos umzurüsten, dann hat Auswirkung auf das ganze Land. Dann freut das die Landesregierung und vorneweg unseren Ministerpräsidenten.

Wie gelingt der Kontakt zu den Abgeordneten?

Ich bin während der Plenardebatten im Landtag zugegen. Jeder kann zu mir kommen. Und das machen die Abgeordneten auch. Die finden das gut, dass da einer ist, der mit ihnen nicht sofort wieder über Politik sprechen will. Zu dem kann man kommen und sagen „mein Kreuz tut weh. Manchmal kommen Abgeordnete auch auf mich zu, wenn sie denken, Fehler gemacht zu haben, oder fürchten, dass das, was sie sagen wollten, in der Öffentlichkeit anders aufgefasst wird. Wie gesagt: Leben in der Öffentlichkeit ist wirklich anstrengend.

Ich spreche Einzelne aber auch selber gezielt an. Nicht nur in seelsorgerischer Absicht. Auch wenn politische Vorhaben den Überzeugungen der Kirchen zuwiderlaufen.

Wann ist Ihre Arbeit erfolgreich?

Wenn die Kommunikation zwischen Kirche und Politik durchlässig ist und wenn eine gegenseitige Vertrauensbasis vorhanden ist, die auch bei gegensätzlichen Meinungen nicht zerstört wird. Und natürlich, wenn es gelingt, kirchliche Interessen in politische Entscheidungen einzuspeisen und diese dort Berücksichtigung finden.

Wie ist denn der Kontakt zu nichtchristlichen Abgeordneten?

Ich kann nicht sagen, dass ich zu allen Abgeordneten gleichermaßen guten Kontakt habe. Manchmal ist da eben auch kein Kontakt. Es gibt ja auch Abgeordnete, die finden das höchst merkwürdig, dass die Kirche Seelsorger in den Landtag entsendet.

Wie ist denn der Umgang mit der AFD?

Zu dem einen oder anderen Abgeordneten gibt es persönliche Gesprächskontakte. Auch seelsorgerliche Gespräche gab es schon. Einen offiziellen Kontakt der Kirchenleitungen zur AfD, wie zu anderen parlamentarischen Fraktionen, gibt es allerdings nicht. Die AfD will eigentlich auch gar keine normale parlamentarische Fraktion sein, will keinen gelingenden Parlamentarismus, sucht  nicht das Gespräch mit anderen Fraktionen um Kompromisse zu erzielen. Eigentlich müsste man ja denken Politiker, die sich wählen lassen, haben gestalterischen Willen. Das sehe ich bei vielen in der AfD nicht. Die AfD will das Ansehen der etablierten Parteien schädigen, nicht konstruktiv um beste Lösungen für die Menschen im Land ringen.

Was hat sich in den sieben Jahren Ihrer Amtszeit verändert?

Die Stimmung im Parlament ist anders geworden. Früher haben Abgeordnete sich gestritten und sind anschließend ein Bier miteinander trinken gegangen. Das gibt es heute nur noch selten. Als ich angefangen habe, gab es zum ersten Mal einen grünen Ministerpräsidenten. Da hatten sicherlich manche in der Kirche Sorge um unsere Themen und Inhalte. Heute freuen wir uns über einen Ministerpräsidenten, dem die Kirchen wichtige Gesprächspartner sind.

Wo sehen Sie rückblickend den größten Erfolg?

Ganz wichtig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in unserem Land war, dass katholische und evangelische Kirche so stark und so klar in Sachen Flüchtlingspolitik Stellung bezogen haben und dies bis heute tun. Ohne den Einsatz der Kirchen hätten die Herausforderungen durch den starken Flüchtlingszustrom nicht so bewältigt werden können. Kirche kümmert sich um die, die Schutz brauchen. Punkt! Es gibt Momente, da bin ich wirklich stolz auf unsere Landeskirchen. Das ist so einer!

Was kommt an wichtigen Themen in den nächsten Monaten?

Ein Mega-Thema ist die Digitalisierung. Das wird auch das Hauptthema unseres Jahresempfangs sein. Uns beschäftigt dabei die Frage nach dem ethischen Ordnungsrahmen, nach den gesellschaftlichen Auswirkungen, die Digitalisierung haben könnte. Beispielsweise Entfremdung vom Produktionsprozess oder die Freisetzung von Arbeitskräften. Ein anderes großes Thema ist das Stichwort Entrhythmisierung von unserer normalen Arbeitswoche. Es geht darum, dass bspw. Familien gemeinsam freie Zeit haben und nicht jeder individuell durchgetaktet ist. Da wird es um die Frage nach dem Sonntagsschutz gehen. Wir versuchen hier eine Allianz mit dem Sport auf die Beine zu stellen. Außerdem, ein drittes Thema, wollen wir es als Kirchen hinbekommen, dass wieder positiv über Integration gesprochen wird. Das wird momentan nur als Abwehrhaltung diskutiert. Hier muss wieder mehr positiv gedacht werden. Es geht um Programme, wie wir Zusammenleben fördern können. Und dazu gehört, dass wir ein Einwanderungsgesetz brauchen. Da ist so klar wie Kloßbrühe.