„Wir haben eine Pflicht zu helfen“

10. März 2016
  • Diakonie Baden
  • Europa
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Kongress Soziale Arbeit

Der stellvertretender Vorstandsvorsitzende Jürgen Rollin sieht kein Auseinanderbrechen Europas.

Der frühere Bundesfamilienminister Heiner Geißler sieht durch die Flüchtlingskrise keine Gefahr für die Zukunft Europas. Geißler sagte auf einer Pressekonferenz am Rande des Kongresses der Diakonie Baden „Europa – Raum und Traum vom guten Leben“ in Bad Herrenalb, die Integration Europas sei zwar noch nicht vollendet, aber schon so weit fortgeschritten, dass man das Rad nicht mehr zurück drehen könne. Ein Scheitern stehe nicht zur Diskussion. Europa werde aus dieser Krise gestärkt hervorgehen.

Europa sei für die Menschen vor allem wegen seiner Werte attraktiv. Dabei gehe es um Demokratie, Freiheit und Menschenrechte. Anders stehe es aber um die Bereitschaft zur Solidarität. Diese sei nicht überall gleichermaßen ausgebildet. Das liege auch daran, dass in der Europäischen Union Staaten seien, die dort noch nicht hingehörten, so Geißler wörtlich. Die sozialen Unterschiede seien viel zu groß, was wiederum die Bereitschaft zur Solidarität negativ beeinflusse. Europa sei zu schnell gewachsen.

Die Zukunft Europas hängt nach Überzeugung des 86-jährigen entscheidend davon ab, wie man mit den gemeinsamen Werten umgeht. Die Mitgliedstaaten müssten gezwungen werden, diese einzuhalten. Die Europäische Union hätte dazu die Möglichkeiten. Geißler nannte in diesem Zusammenhang insbesondere Polen und Ungarn. Zur Wertegemeinschaft gehöre auch die, so Geißler, „knallharte Pflicht zur Nächstenliebe“. Der Stärkere helfe dem Schwächeren. Die ungeklärte Frage aber sei, ob dieses Prinzip auch auf eine Staatengemeinschaft übertragen werden könne.

Auch der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Diakonie Baden, Jürgen Rollin, sieht kein Auseinanderbrechen Europas. Auch er betonte die besondere Bedeutung gemeinsamer Werte in Europa. Nächstenliebe oder Solidarität nannte er die „Grundkonstruktion für den Zusammenhalt in Europa“. Eine der Quellen für die aktuellen Probleme seien die Unterschiede in den Sozialsystemen der europäischen Staaten. Ohne eine Angleichung werde es in Europa immer Kräfte geben, die den Zusammenhalt in Frage stellten. Der Spaltpilz Europas liege in der Union selber. Unterschiedliche Lebensverhältnisse seien die Realität und setzten eine Wertegemeinschaft eben auch außer Kraft.

Die große Zukunfts-Aufgabe von Kirche und Diakonie ist nach Ansicht von Rollin, die Staaten an ihre Verpflichtung zu mahnen, Menschen in Not zu helfen. Hier gebe es große Defizite. Die Not in anderen Teilen der Erde habe ihre Ursache nur allzu oft im wirtschaftlichen Handeln Europas. Es sei jetzt die Gelegenheit, ein wenig davon zurückzugeben, was man sich vorher ohne Rücksicht auf die Menschen vor Ort genommen habe.

Auf dem Kongress der Sozialen Arbeit der Diakonie Baden diskutieren bis einschließlich Freitag Experten aus Journalismus, Sozialwissenschaft und Politik über das Thema Europa. Neben fachlichen Inhalten geht es darum, ein Bild vom Zustand der Europäischen Union zu zeichnen und Zukunftsvisionen zu entwickeln. Dabei stehen die Herausforderungen für die Soziale Arbeit der Diakonie im Fokus.


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