"Raum für Gutes"

18. Juni 2018
  • Woche der Diakonie
  • Diakonie Baden
  • Diakonische Werke

Mit einem Festgottesdienst und politischen Talkrunden ist in Heidelberg die Woche der Diakonie 2018 eröffnet worden. Erstmals wurde der traditionelle Start gemeinsam vom Diakonischen Werk Baden, dem Diakonischen Werk Heidelberg und der Evangelischen Stadtmission organisiert.

In der feierlichen Atmosphäre der Heiliggeistkirche in der Heidelberger Innenstadt hörten 150 geladene Gäste die Predigt von Oberkirchenrat Urs Keller.  Er thematisierte den Psalm: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“. Keller warnte vor Angst, die Räume eng macht und lähmt. Dem stelle der Psalmist seine Befreiungserfahrung entgegen. Angesichts wachsender Angst und Aggressivität in unserer Gesellschaft ein wichtiger Zuspruch.

Der Psalm widerspiegelt das Thema der diesjährigen Woche der Diakonie. „Raum für Gutes“. Wo gibt es diese Räume, wie gleich sind die Chancen auf gute Teilhabe an diesen Räumen verteilt? Und wo und von wem werden diese Räume eng oder weit gemacht? Die Woche der Diakonie 2018 nimmt den gesellschaftlichen Zusammenhalt in den Blick.

Keller, der auch Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werks Baden ist, nahm nach dem Gottesdienst an der politischen Diskussion mit den beiden Bundestagsabgeordneten Dr. Franziska Brantner (Grüne) und Lothar Binding (SPD) teil. Beide haben ihren Wahlkreis in Heidelberg.  Die Diskussion stand ganz im Zeichen des aktuellen Flüchtlingsstreits innerhalb der Unionsparteien und des sich verändernden politischen Klimas in Europa und Deutschland.

© Diakonie Baden

Woche der Diakonie 2018, Podiumsdiskussion in der Heiliggeistkirche in Heidelberg

Original-Mittschnitt der Talkrunde Franziska Brantner (Grüne), Lothar Binding (SPD), Oberkirchenrat Urs Keller (Diakonie Baden)

Heidelberg, Samstag, den 16.Juni 2018

Binding sagte, wenn ‚Gutmensch‘ zum Schimpfwort werde, laufe einiges schief. Es werde der beleidigt, der bereit sei, sich für andere einzusetzen. Auch im Bundestag werde inzwischen eine Sprache benutzt, die unerträglich sei. Auch beobachte er einen Haltungsverlust.  Die Fehlentwicklung im deutschen Bundestag sei die, dass manche meinen, wenn sie dem Falschen hinterherliefen, dann würde es richtig. Bindung appellierte: „Ich glaube, wir müssen unsere Haltung aufrecht erhalten“. Schon immer hätten die Menschen ihre Alltagssorgen gehabt. Das Flüchtlingsthema aber habe sich angeboten, diese Dinge unter dem Blickwinkel von Neid und Missgunst zu betrachten.  Inzwischen werde alles auf Flüchtlinge projiziert, egal welches Thema behandelt würde.  Im Sinne von: „Gäbe es die Flüchtlinge nicht, wäre hier alles in Ordnung“. Binding sagte, er vermisse zunehmend die inhaltliche Diskussion. Um Gutes zu entwickeln, müsse man das Schlechte sehen, z.B. Wohnraummangel oder Armut. Dann müsse man das Gute entwickeln und es dem Schlechten entgegenzuhalten. Das aber finde immer weniger statt.

Auch Franziska Brantner beklagte eine Verschiebung, die ihr, so wörtlich, Angst mache.  Die Wahrnehmung von Lothar Binding teile sie. Sie forderte deshalb, Werte wie Mitmenschlichkeit und Solidarität offensiver zu vertreten. Nur so könne man das eigene Fundament zeigen, auf dem man stehe. Den Kirchen käme hier große Bedeutung zu. Sie könnten Räume füllen, in denen Gutes geschehen könne. Auch Brantner sieht den Mangel an inhaltlichem Diskurs. Es gehe vielmehr um Machtfragen. Anders sei auch die gegenwärtige Regierungskrise nicht erklärbar. Niemandem sei der Seehofersche Masterplan bekannt. Man argumentiere ad abstractum. Es sei eine fundamentale Machtfrage, wohin Deutschland, wohin Europa gehe. Die große Aufgabe der Regierung sei es, die Alltagssorgen der Menschen wieder ernst zu nehmen. Denn sonst mündeten diese Sorgen weiter in Ängste und Bedrohungswahrnehmungen.

An die Adresse von Horst Seehofer gerichtet sagte Urs Keller, man müsse den Innenminister vor Augen halten, dass er auch Bauminister sei. Hier müsse mehr geschehen.  Alle sollten den Minister gemeinsam daran erinnern, was seine eigentliche Aufgabe sei. Überhaupt  überlagere die Auseinandersetzung um die Flüchtlingspolitik alle anderen Themen. Alle anderen Vorhaben der Regierung fielen praktisch hinten runter. Es gehe tatsächlich nicht mehr darum, was die Leute beschäftige, sondern nur um die Macht.  So gerieten andere Politikfelder wie das Soziale in den Hintergrund. Wie Franziska Brantner sieht auch Keller hier eine Aufgabe der Kirchen, diesen Missstand zu thematisieren. „Wir müssen uns stark machen und auf die eigene Stärke vertrauen und nicht anderen das Feld überlassen.  Und zu dieser Stärke gehört auch, dass wir als Kirche, als Diakonie, als gesellschaftliche Kräfte, die Politik zwingen, auch über Inhalte zu reden.“ An den Inhalten werde sich zeigen, wer für welche Politik und für welches Menschenbild stehe.  Keller sagte, Menschen wollten Lösungen für Ihr Leben. Und Lösungen bekomme man nur über Inhalte und nicht über spaltende Diskurse, wie sie im Moment stattfänden. Keller forderte Politiker auf, sich dafür einzusetzen und dabei möglichen Widerstand auch in den sozialen Medien auszuhalten. Das erfordere Mut. Deswegen hätten Politiker, die das tun, die Unterstützung und die Solidarität aller verdient. Das sei eine gemeinsame Aufgabe, so Keller.

In einer sich anschließenden zweiten Talkrunde lenkte Heidelbergs Oberbürgermeister Eckardt Würzner den Blick auf die Region. Erst unlängst habe eine Studie Heidelberg  die zweithöchste Lebensqualität in ganz Deutschland bescheinigt. Es stelle sich aber die Frage,  wer alles wie stark an dieser Qualität teilhaben könne. Wohnraumnot sei zum Beispiel das zentrale Problem der immer weiter wachsenden Stadt. Heidelberg habe viel auf dem Bausektor unternommen, um hier Abhilfe zu schaffen. Dazu sei man im Gegensatz zu anderen Kommunen aber nur in der Lage, weil Heidelberg vergleichsweise wohlhabend sei. Martin Hess, Leiter des Diakonischen Werks Heidelberg, ergänzte, es dürfe niemand aus Heidelberg wegziehen müssen, nur weil er sich das Leben in der Stadt, etwa im Alter, nicht mehr leisten könne.  Hier gäbe es Handlungsbedarf. Hess forderte den Oberbürgermeister auf, in seinen Bemühungen, günstigen Wohnraum zu schaffen, nicht nachzulassen.

Infostände der diakonischen Angebote in Heidelberg, der Chor der Heidelberger Kapellengemeinde manna4voices, sowie eine „Stunde der Kirchenmusik“ von Jan Wilke (Orgel) und Violetta Hellwig (Sopran) rundeten die Veranstaltung informativ und kulturell ab.

Die Woche der Diakonie ist die größte Spendenaktion der Diakonie Baden. Jedes Jahr wird etwa eine halbe Million Euro für die Arbeit der Diakonie gesammelt. Die Hälfte davon bleibt in der eigenen Gemeinde und in den Kirchenbezirken.