Sensible
Seelen hinter harten Fäusten
Gewalt
von Jugendlichen ist derzeit Thema in Deutschland.
In der Diakonie Baden arbeiten Fachleute, die
dazu etwas zu sagen haben.
Einer von ihnen ist Stefan Koch (40), Psychologe
und Mitbegründer des Ai-ki-fair Trainings. Er ist stellvertretender Leiter
der Jugendhilfeeinrichtung Niefernburg in Öschelbronn und arbeitet dort
mit gewalttätigen Mädchen.
• Wie
entsteht Gewaltbereitschaft bei Jugendlichen?
Koch: Die
Sozialisation spielt eine große Rolle. Gewalt
oder Aggression an sich scheint ein gelerntes Verhalten
zu sein. Eine zeitlang ging die Wissenschaft davon
aus, dass ein Gen dafür verantwortlich ist.
Diese These wird inzwischen wieder verworfen. Die
Kinder sehen, wie die Eltern zuhause Konflikte
lösen, sich durch den Alltag mogeln.
• Gewalt ist
also nicht in der Person angelegt.
Koch: Man geht
davon aus, dass jemand eher zu Gewalt
bereit ist, wenn er bestimmte Dispositionen
hat, aber es ist zu einfach, zu sagen,
jemand, der bestimmte Gene hat, wird
auf jeden Fall gewalttätig.
• Was
bedeutet es für Ihren Umgang mit den
Jugendlichen in der Jugendhilfe, wenn Sie
davon ausgehen, dass es sich um gelerntes
Verhalten handelt?
Koch: Es bedeutet,
dass die Verhaltenbereitschaft über gewaltmodifizierende
Trainings wirksam angegangen werden kann. Es
müsste sich aber auch in unserer Gesellschaft
etwas grundlegend verändern. Es reicht
nicht, beim Jugendlichen anzusetzen. In der
Gesellschaft wird zu wenig gefragt, was verändert
werden müsste: zum Beispiel mehr Anlaufstellen
für Jugendliche aus dem Gewaltmilieu.
Da gibt es erst sehr wenig Angebote.
• Wo
müsste man als erstes ansetzen?
Koch: Direkt da,
wo die Gewalt entsteht. Es müsste mehr
für Familien geben. Keine Familie möchte
gewalttätige Kinder erziehen. Sondern
häufig können die Konflikte in
den Familien schlecht angegangen werden,
weil die Eltern kaum angemessene Konfliktlösungsstrategien
haben. Seminare für ganz junge Eltern
werden inzwischen immer mehr angenommen.
• Was
geht in einem Jugendlichen vor, bis es
zur Eskalation von Gewalt kommt?
Koch: Typisch
ist, dass die betreffende Person Zeuge
von Gewalt an ihm nahestehenden Personen
wird. (Zum Beispiel jemand, der ihm wichtig
ist, unter Gewalt leidet.) Wenn sich
der Junge in der Schule prügelt
und der Vater einmal sagt, es ist toll,
wenn du dich verteidigst und beim nächsten
Mal den Jungen dafür schlägt,
weil er es absolut daneben findet. Oft
sind Werte- und Normvorstellungen bei
derartigen Eltern ganz schlecht ausgebildet.
Da herrscht Unsicherheit: Wie vermittele
ich Werte. Dann ist das Verhalten der
Eltern für die Jugendlichen nicht
berechenbar. Sie sind ständig in
Hab-acht-Stellung und suchen sich einen
Weg, wie sie diese Unberechenbarkeit
vermeiden. Sie beginnen zu mogeln, die
nicht kalkulierbare Aggression, die sie
erlebt haben, nach außen zu transferieren,
schlagen sich mit anderen Jugendlichen
und erfahren sich dabei als mächtig.
Diesen Moment der Macht lernen sie zu
genießen. Sie erleben beim Zuschlagen,
dass sie nicht mehr die Erniedrigten
sind, sondern die Starken. In unseren
Trainings ist es wichtig, diesen epiphanischen
Moment herauszuarbeiten: wann kippt das
Machtverhältnis vom Unterlegenen
zum Überlegenen. Es ist ein Gefühl,
das die Jugendlichen nicht mehr hergeben
wollen. Daran muss man dann arbeiten.
Das eine sind Gruppentrainings.
Man muss dem Jugendlichen aber auch den Raum
geben, wo er sich öffnen kann, aus seiner
Rolle aussteigen kann. Man kann nicht erwarten,
dass ein jugendlicher Gewalttäter vor
allen anderen ehrlich eine Schwäche zugibt,
wenn er in einem Gruppentraining mit weiteren
Gewalttätern zusammen ist. Bei indizierten
Fußballprojekten für Straßenkinder
zum Beispiel entstehen Nischen, wo die Jugendlichen
sich offenbaren können. Das muss nicht
immer bei den Trainern sozialer Trainingskurse
sein. Wenn ein Jugendlicher sagen kann, wann
und wodurch er das erste Mal gewalttätig
wurde, das ist für ihn wie ein Schlüssel.
In einem vertrauensvollen Umfeld ist er in
der Lage, sich retrospektiv diese Erlebnisse
immer wieder anzuschauen und neu zu bewerten.
• Sie
helfen also dem Jugendlichen, sein Schlüsselerlebnis
zu finden, durch das er anschließend
an sich selbst arbeiten kann und sie mit
ihm arbeiten können.
Koch: Ja. Für
diesen Moment gilt es, Alternativen anzubieten:
Dass du damals in diesem Moment zugeschlagen
hast, war für dich die Möglichkeit,
aus dem dir bekannten Schema auszusteigen.
Du wolltest nicht mehr der Erniedrigte sein.
Jetzt gibt es für dich die Möglichkeit,
neue Konfliktlösungsstrategien zu erlernen,
neue Wege, dich selbst wirksam zu erleben.
Der Jugendliche muss lernen, dass er von sich
aus etwas bewirken kann, was von der Gesellschaft
auch als wirksam gesehen wird. Durch Gewalt
sichert man sich Aufmerksamkeit. Wenn ich zuschlage,
werde ich gesehen. Für viele Jugendliche
in der oben beschriebenen Lage ist es egal,
ob sie von der Gesellschaft positiv oder negativ
gesehen werden. Hauptsache er wird gesehen.
Das Gefühl der Selbstwirksamkeit geht
häufig schon sehr früh verloren,
wenn man zum Beispiel einem zweijährigen
Kind nicht erlaubt, seinen Teller selbst in
die Spülmaschine zu tun und sagt: das
kannst du noch nicht. Wir sagen schnell: Das
kannst du noch nicht. Das nehme ich dir ab.
Das führt häufig zu einem Loch. Wenn
sich jemand nicht als autonom erleben kann,
sucht er nach Möglichkeiten, sich auszudrücken,
sich selbst zu spüren, sich selbst zu
beweisen. Aggression ist dann eine adäquate
Ausdrucksform für diesen Kontext. Diese
kann übrigens sehr sinnlich sein. Wenn
ich sehe, wie jemand blutet, wie jemand weint,
ist das eine prägnante sinnliche Erfahrung.
Unsere Gesellschaft bietet Jugendlichen momentan
wenig an, wo Jugendliche sich ausdrücken
können.
Fußball ist eine Möglichkeit, es kann aber auch ein Musikworkshop
sein, ein Bastelworkshop, Zirkusworkshop. Diese Erfahrung der Selbstwirksamkeit
muss so stark werden, dass sie dem Jugendlichen eine Alternative zum Schlagen
bietet.
• Was
bedeutet die Veränderung des Umfeldes
von Jugendlichen für die Anforderungen
an Kindergärten und Schulen? Was müssten
Erziehende und Pädagogen heute anders
machen?
Koch: In Kindergärten
arbeiten sehr viele Frauen. Es gelingt häufig
nicht, den Jungs ein Männerbild zu vermitteln.
Häufig sind wir in den alten Bildern gefangen:
Ein Junge darf nicht weinen. Ein Junge muss
hart sein. Das ist in unserer heutigen Gesellschaft
aber nicht mehr gefragt. Jungs und junge Männer
sollen die Möglichkeit haben, weicher
werden zu dürfen. Es ist das Bedürfnis
nach Emanzipation da, in den Familien ist das
Rollenverhältnis aber teilweise noch ganz
stark festgelegt. In den Kindergärten
fehlt häufig das Angebot für Jungs,
dass Jungs auch mal weich sein dürfen.
Jungs sollen emanzipierter sein, andererseits
sind sie in ihren Rollenklischees drin. Wir
müssen Rollenfestschreibungen aufbrechen.
Bei den Mädchen ist es genau anders herum.
Sie drehen an der Gewaltschraube, wollen sich
emanzipieren. Jungen hängen hinterher,
weil sie noch nicht frei ihre Rolle ausleben
können. Die Pädagogik in Kindergärten
muss das Ziel haben, nach den Eigenschaften
von Jugendlichen zu schauen, weg von den Rollenvorstellungen,
hin zum einzelnen Jugendlichen, zum Individuum,
so dass er zu einer eigenständigen Persönlichkeit
abseits der festgefahrenen Geschlechterrollen
heranwachsen kann.
• Das
hört sich an, als ob es in Richtung
Verhaltentherapie geht, aber noch mehr
als dies sein müßte Was spielt
für Sie in Ihrer Arbeit die Suche
Jugendlicher nach Identität für
eine Rolle?
Koch: Wenn ich auf
der Suche nach meiner Identität immer
wieder an Grenzen stoße und merke, dass
ich wenig selbstbestimmt und stark fremdbestimmt
bin, ich wenig Möglichkeit habe, mich
zu entfalten, dann wird der Hunger danach,
sich selbst zu erleben, immer größer.
Sehen wir uns die Freizeitbeschäftigung
Jugendlicher heute an. Früher waren sie
mehr draußen im Wald unterwegs oder auf
dem Fussballplatz. Heute sitzt man viel vor
dem Computer und Fernseher und beschäftigt
sich nur noch sekundär mit sich selbst.
Man lernt nicht mehr, sich zu spüren,
seine Selbstwirksamkeit. Die Beschäftigung
mit der Frage „wer bin ich“ wird
durch unsere Gesellschaft wenig gefördert.
Jetzt wollen wir wieder Ganztagsschulen einführen,
suchen neue Programme, wie Jugendliche lernen
können. Wir sollten uns lieber mal die
skandinavischem Länder ansehen. Das schwedische
Schulsystem zum Beispiel ist darauf ausgerichtet,
Leben zu lernen. Man macht sehr viel draußen,
lernt, sich in der Natur zu bewegen. Darin
stecken viele Möglichkeiten, sich selbst
zu finden, sich zu identifizieren und sich
als selbstwirksam zu erleben. In unserem Schulsystem
fehlt das.
• Viele
Jugendliche, von denen Gewalt ausgeht,
kommen aus Familien mit Migrationshintergrund.
Leiden diese Jugendlichen besonders an
den traditionellen Rollenbildern in ihren
Familien, die in unserer Gesellschaft auf
ganz andere Bilder von Jugendlichen prallen?
Koch: Auf jeden Fall.
Sie werden in der Schule sehr offen erzogen,
in den Familien herrschen die klassischen Verhältnisse:
Mädchen haben nichts zu sagen. Jungs sind
die Dominanten. In der Schule erfahren die
Mädchen aber, dass sie frei sein sollen,
sich entwickeln und emanzipieren sollen. Zuhause
erleben sie genau das Gegenteil. Auch für
Familien, die schon seit mehreren Generationen
bei uns sind, ist das immer noch schwierig.
Das sieht man auch daran, wie viele ausländische
Jugendliche straffällig werden. Auch für
diese Jugendlichen haben wir noch zu wenig
Angebote – auch in der Jugendhilfe gibt
es erst wenig Spezialisten, die sich mit der
Migrantenproblematik auseinandersetzen, wie
die Eltern integriert werden können, wie
diese Jugendlichen in den Heimalltag integriert
werden können.
• Kann
man die Ursachen für Jugendgewalt
reduzieren?
Koch: Es ist ein
gesellschaftliches Problem, das man langfristig
angehen muss. Es muss ein Ruck durch unsere
Gesellschaft gehen. Wir müssen begreifen,
dass wir unseren Jugendlichen ein hohes Maß an
Hoffnungslosigkeit vermitteln. Wir müssen
lernen, mehr Angebote für das Zusammentreffen
von Generationen machen. Ich sehe das größte
Problem darin, dass die Generationen immer
mehr losgelöst voneinander agieren.
Dass die Jugend wenig Kontakt hat zu älteren
Menschen. Dass sich ältere Menschen
abschotten. Dass wir immer weniger Mehrgenerationenhaushalte
haben. Jugendliche müssen wieder mehr
am Leben der Älteren teilnehmen, ihre
Werte einbeziehen, sehen, dass Uropa und
Uroma ähnliche Probleme hatten wie sie – auch
in einer anderen Zeit. Davon sind wir noch
weit entfernt.
• Wenn
ein Jugendlicher in einer Jugendhilfeeinrichtung
zu schwierig wird, muss er in die Psychiatrie
eingewiesen werden. Was macht das mit den
Jugendlichen?
Koch: Für manche
Jugendliche ist es eine Erlösung zu sagen,
ich bin krank. Auch für die Eltern ist
dies mitunter einfacher, als die Erkenntnis
zu äußern: Wir haben in unserer
Familie ein Problem. Viele Eltern, die gewalttätige
Kinder haben, wünschen sich, dass es eine
medizinische Erklärung für das aggressive
Verhalten ihrer Kinder gibt. Es gibt aber auch
Jugendliche, für die es stigmatisierend
ist, eine festgeschriebene klinische Diagnostik
zu erhalten. Sie wehren sich auch massiv dagegen.
Es macht mir ein Stückweit Angst, dass
es immer mehr Jugendliche gibt, die gern diesen
Stempel tragen. Diese Ohnmacht: „Da muss
ich wohl krank sein. Da stimmt was nicht mit
mir“, finde ich sehr besorgniserregend.
Dass sie sich fallen lassen in diese Diagnose.
Sie macht es leicht. Man muss nicht mehr an
sich arbeiten. Es macht aber auch deutlich,
wie ohnmächtig sich viele Jugendliche
heute fühlen.
• Was
ist ein wirklich aussichtsloser Fall?
Koch: Es sind Jugendliche
mit einer schlechten Sozialprognose, bei denen
der Störungsbeginn schon vor dem achten
Lebensjahr liegt, Kinder, die da schon durch
sehr gewalttätiges Verhalten auffallen.
Bis jetzt haben wir weder von medizinischer
noch von pädagogischer Seite her gute
Möglichkeiten, dem Jugendlichen Unterstützung
zu sein, etwas zu verändern. Ich finde
es auch schwierig, von hoffnungslosen Fällen
zu sprechen. Damit stigmatisieren wir Jugendliche.
Es lässt sich nur dann verändern,
wenn man ihnen mit großer Wertschätzung
entgegen tritt und ihnen sagt: Wir glauben
an dich und werden nach Möglichkeiten
suchen, wie du langfristig doch etwas ändern
kannst.
• Sind
Sie Optimist oder haben Sie es selbst erlebt?
Koch: Ich bin schon ein positiv denkender Mensch. Ich habe aber
auch erlebt, dass Jugendliche, denen man es immer wieder sagt und mit denen
man lange begleitend den Weg geht, auch wenn sie gewalttätig waren und
dadurch auch Beziehungsabbrüche haben, wenn man sie auf dem Weg begleitet
dass zumindest das Leben für die lebenswerter wird und sie für sich
Momente haben, wo sie diese Anerkennung und Wärme noch spüren, weil
die Jugendlichen ja häufig, um dieses Stigma zu bedienen, glauben, sie
müssen immer kälter und einsamer werden. Ich erlebe es als gewinnbringend
wenn man ihnen trotzdem immer wieder die Hand reicht. Andererseits ist die
Forschung immer wieder mit der Frage beschäftigt, ob der Mensch einen
freien Willen hat oder die Summer seiner Erfahrungen ist. Es wäre eine
düstere Prognose, wenn ich davon ausgehen müsste, dass ein Straftäter
gar keine Veränderungsmöglichkeiten mehr hat, weil die Erfahrungen,
die er gemacht hat, sein Verhalten für sein ganzes Leben festlegt.
• Sie
haben ein Konfliktlösungstraining
entwickelt. Es heißt Ai-ki-fair.
Was steckt dahinter?
Koch: Wir bieten
eine Alternative an zu einer expansiven Form
des körperlichen Ausdrucks nach außen,
um seinen Bedürfnissen freien Raum zu
geben. Wir sind auf der Suche, wie wir eindeutige
und klare Lösungen schaffen können,
so dass ich meine Konflikte lösen kann,
ohne mich selbst oder meine Umwelt zu schädigen.
Es ist also ein Konfliktlösungstraining.
Wir gestehen den Jugendlichen, die gewalttätig
waren, zu, dass sie in dem Moment des Zuschlagens
aufgrund ihrer Vorerfahrungen und erlernten
Verhaltensmuster wenig andere Möglichkeiten
hatten, der Situation zu begegnen. Die Opfer,
die sie hinterlassen haben, sind zu beklagen
und zu bedauern. Die Täter müssen
einen Weg finden, sich bei ihren Opfern zu
entschuldigen. Wir arbeiten mit einer großen
Portion Wertschätzung auch für das,
was hinter den Menschen liegt und suchen nach
den Bedürfnissen, die den Jugendlichen
dazu gebracht haben, zuzuschlagen. Dann machen
wir uns Gedanken, wie sich diese Bedürfnisse
anders befriedigen lassen.
• Es
geht nicht nur um die Seelen derer, die
zuschlagen, sondern auch um die der Opfer.
Wie können sich Menschen vor gewalttätigen
Jugendlichen schützen?
Koch: Von Gewalttätern sagt man, sie seien nicht empathiefähig.
Ich glaube nicht, dass gewalttätige Menschen nicht mehr empathiefähig
sind. Sie haben ein hohes Maß an Empathie. Ausklammern würde ich
diejenigen, die Gewalt anwenden, ohne je Gewalt erfahren zu haben. Aber die
aufgrund eigener Gewalterfahrungen selbst gewalttätig wurden, haben gelernt,
wie es sich anfühlt. Mit diesem Gefühl, das ihnen Angst gemacht hat,
konnten sie aber nicht umgehen und haben ihre Empathiefähigkeit als Schwäche
abgelegt. Nicht umsonst entpersonifizieren Gewalttäter ihre Opfer. Sie
wollen gar nicht wissen, wie ihr Opfer heißt oder wie alt er ist, woher
er kommt. Das würde es ihnen nicht möglich machen, in der Anonymität
zuzuschlagen. Sie vermeiden, mit den Opfern in eine Gefühlsregung zu gehen –aber
sie könnten es, wenn sie wollten. Der Schutz von Menschen vor Gewalttätern
wird dadurch angestrebt, dass wir mit den Gewalttätern andere Möglichkeiten
suchen, wie sie Konflikte ausleben, wie sie sich selbst wirksam erleben können.
Das ist eine langfristige präventive Aufgabe. Gleichzeitig darf man die
nicht vergessen, die Opfer wurden. Wir arbeiten in unserem Training sowohl
mit den Opfern als auch mit den Tätern. Sie lernen, wieder aufeinander
zuzugehen, sich zu erleben, sich auszutauschen. Denn häufig war ein Täter
früher mal selbst Opfer und werden auch später immer mal wieder zu
Opfern.
• Haben
Sie Verhaltenshinweise für potenzielle
Opfer?
Koch: Dass man sich als Person in den Vordergrund stellt, beginnt
von sich zu erzählen, seinen Namen nennt. Dass man den vermutlichen Täter
aus der Anonymität herausreißt, dass er seinen Plan ändert.
Häufig sind die Täter gute Regisseure. Sie suchen sich die Opfer
danach aus, wer die Rolle in ihrem Stück am besten ausfüllen kann.
Sie sind meist auch gute Menschenkenner, wissen, wo jemand angreifbar ist und
Schwächen hat, ob jemand eher still ist, wenn er geschlagen wird oder
seinen Mund aufmacht. Danach suchen sich viele Täter ihre Opfer aus. Wenn
man lernt, aus diesem Schema auszusteigen, hat man schon einen Teil der Täter
von sich abgelenkt. Es gibt aber auch Täter, die genau die Herausforderung
suchen und sich bewusst die Stärkeren aussuchen, weil sie immer mächtiger
werden wollen. Generell fährt man gut damit, wenn man sich selbstsicher
bewegt, sich nicht in Provokationen hineinziehen lässt. Manchmal ist es
besser, zu gehen. Ich muss mich nicht in jeden Konflikt hineinziehen lassen.
• Manchmal
geht alles sehr schnell. Da ist gar kein
Gespräch möglich.
Koch: Wenn jemand in der Kneipe sich vorgenommen hat, mich niederzuschlagen
und auf mich zukommt, da gebe ich Ihnen Recht. Da gibt es keine Möglichkeit
mehr, verbal vorzugehen. Manchmal folgt ein Täter einem Opfer aber auch
und spricht es an, weil er nach einer Legitimation sucht, um zuzuschlagen.
Man kann auf die Provokation eingehen. Dann wird er einen Grund finden, um
zuzuschlagen. Oder ich finde eine Möglichkeit, den Konflikt zu verlassen.
Aus einem Konflikt zu gehen, fällt uns häufig schwer, weil wir uns
nichts gefallen lassen wollen.
• Wie
unterscheidet man die Konfliktsituationen?
Koch: Wenn man mit demjenigen allein ist, dann sollte man sich
schnell in die Nähe von Menschen begeben und sie ansprechen, zum Beispiel
nach der Uhrzeit fragen. In der Volksfest- oder Partiesituation ist es schwierig,
sich vor einer spontanen Aktion zu schützen.
• Was
für ein Bild von Jugendlichen haben
Sie? Was ist Ihre Motivation, dass Sie
weitermachen, auch wenn Ihre Arbeit nicht
immer erfolgreich ist?
Koch: Meine Motivation ist, dass ich die Schicksale hinter den
Jugendlichen sehe und weiß, welches Maß an Schmerz und Traumatisierung
viele Jugendliche erlitten haben und Gewalt als eine Form des Schutzes oder
der Aufarbeitung sehen, für die gilt es, Möglichkeiten zu finden,
aus ihrem Schema auszusteigen. Ich würde behaupten, dass sie im Grunde
ihres Seins unter dem leiden was sie da tun. Ich glaube nicht, dass ein Mensch
Vergnügen dran hat, gewalttätig zu sein. Das würde ich eher
als krankhaften Prozess beschreiben. Der Großteil der Menschen, die gewalttätig
sind, wollen aussteigen, wenn man ihnen etwas anbietet. Das Problem ist, dass
sie stigmatisiert sind und Angst davor haben, aus ihren Verhaltensmustern auszusteigen.
Wer bin ich dann, wenn ich auf das Schlagen verzichte? Wo kann ich mich dann
noch behaupten? Das ist für mich die Motivation, gerade mit diesen Jugendlichen
zu arbeiten.
Das Gespräch
führte Angelika Schmidt
letzte Aktualisierung
am 28. Februar 2008 |