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Die neue Volkskrankheit

Psychische Erkrankungen nehmen zu.

Manfred Schöniger, Referent Psychiatrie

Woher kommt das? Was kann man tun? Wie kann man sich davor schützen? Über diese neue „Volkskrankheit" sprach ekiba intern mit Manfred Schöniger, im Diakonischen Werk Baden zuständig für den Bereich Psychiatrie.

Schöniger: Immer mehr Menschen werden heute psychisch krank. Die Krankenkassen sprechen in einer neuen Untersuchung von einer Versorgungslücke zwischen dem stationären und dem ambulanten Bereich. Damit meinen sie, dass der Übergang von der stationären Behandlung, also dem Krankenhaus, zur ambulanten Behandlung durch Niedergelassene Nervenärzte ein Problem darstellt. Tatsächlich nehmen viele psychisch Erkrankte Behandlungsempfehlungen und Arztkontakte nach einer Entlassung nicht in Anspruch. Sie sind froh, wenn sie aus dem Krankenhaus wieder raus sind. Sie nehmen also Hilfe, die sie bekommen könnten und auf die sie vielleicht sogar einen Anspruch hätten, nicht an.

Seit ein paar Jahren gibt es aber eine Therapieform, um psychisch erkrankte Menschen so zu begleiten und zu motivieren, dass sie die Hilfe, die sie brauchen, in Anspruch nehmen. Diese sogenannte Soziotherapie wird von den Krankenkassen bezahlt. Sie ist geschaffen worden, um Krankenhausbehandlung zu vermeiden, oder zu verkürzen. In Baden-Württemberg wird Soziotherapie durch die Sozialpsychiatrischen Dienste (SPDi) angeboten. Für diese Therapie braucht man keine spezielle Ausbildung. Es reicht jahrelanges Praxiswissen von Sozialarbeitern oder Fachkrankenpflegern.

Aber irgendwo klemmt es doch.

Schöniger: Es klemmt bundesweit. In Baden-Württemberg haben wir die Soziotherapie zum Glück flächendeckend einführen können. In vielen anderen Bundesländern ist das nicht so. Wir haben in Baden-Württemberg in den Gesprächen mit den Krankenkassen vereinbart, dass Soziotherapie von den Diensten angeboten wird, die ohnehin schon für die ambulante sozialpsychiatrische Versorgung zuständig sind.

Das Problem bei der Soziotherapie ist allerdings, dass der hohe Aufwand, der damit verbunden ist, immer noch schlecht vergütet wird. Die Sozialarbeiter gehen zu den Betroffenen nach Hause, begleiten sie auch zu Angehörigen, gehen mit dem Menschen zum Arzt und führen natürlich intensive Gespräche, um eine Krankheitseinsicht zu erreichen und z.B. eine beginnende erneute Krise rechtzeitig zu erkennen.. Das zweite Problem ist, dass man schon sehr krank sein muss, um Soziotherapie verordnet zu bekommen. Die Hürde für eine Verordnung liegt sehr hoch. Die verordnenden Ärzte müssen auf einer Liste den Grad der sogenannten Funktionsstörung beurteilen und davon ausgehen, dass eine Krankenhausbehandlung früher oder später erforderlich wird, wenn Soziotherapie nicht erfolgt.

Ein Problem liegt, glaube ich, darin, dass die Krankenkassen berechtigterweise versuchen, Kosten im stationären Bereich einzusparen. Soziotherapie ist ja auch aus Kostengründen eingeführt worden. Allerdings wird der Fehler gemacht, dass man sich auch schwertut, im ambulanten Bereich ordentlich zu investieren. Nach einer wissenschaftlichen Untersuchung der Krankenkassen aus der Anfangszeit der Soziotherapie spart ein Euro für die Soziotherapie sechs Euro an stationären Behandlungskosten ein.

Warum sollten die Hürden gesenkt werden?

Schöniger: Mehr Menschen könnten Soziotherapie bekommen und damit vielleicht Krankenhausaufenthalte vermeiden. Heute gibt es neue Erkenntnisse, welche Krankheitsverläufe Soziotherapie verhindern kann. Ein Ausschuss auf Bundesebene aus Krankenkassen und Ärzten beschäftigt sich schon seit einiger Zeit damit, ob man die Diagnosen ausweiten sollte. Heute bekommt man Soziotherapie z.B. bei einer Depression nur dann verordnet, wenn Wahnvorstellungen dazu kommen, Soziotherapie ist aber auch hilfreich bei einer „normalen" Depression.

Wie werden die SPDis finanziert?

Schöniger: SPDis werden zu einem Teil vom Land, zu einem Teil von den Kommunen finanziert und erhalten Vergütungen für Leistungen, die sie zusätzlich zur Grundversorgung anbieten. Wir stellen seit Jahren fest, dass die Dienste von psychisch errankten Menschen immer stärker in Anspruch genommen werden.. 2006 wurde das Personal der SPDis allerdings um die Hälfte gekürzt, weil das Land erhebliche Finanzprobleme hatte. Auf diesem Personalstand ist es bis heute geblieben. Heute müssen wir feststellen, dass wir deutlich mehr Personal für die ambulante sozialpsychiatrische Versorgung der Menschen in Baden-Württemberg benötigen.

Das heißt, die Anzahl der psychisch kranken Menschen nimmt immer mehr zu, die Versorgungsmöglichkeit entspricht jedoch nicht dem Bedarf.

Schöniger: Die stationäre Versorgung in Baden-Württemberg ist im letzten Jahr unter Hinweis auf die gestiegenen Erkrankungen ausgebaut worden. Die ambulante Versorgung, auch durch Niedergelassene Nervenärzte ist nicht ausreichend.

Auch Kirchengemeinden erleben Menschen mit psychischen Erkrankungen. Wie gehen sie am besten mit ihnen um?

Schöniger: Es gibt natürlich psychisch erkrankte Menschen, die Ärger machen, die einem bedrohlich erscheinen und unangenehm sind. Das ist aber nicht die Mehrheit der Betroffenen. Viele Menschen glauben, dass psychisch erkrankte Menschen bedrohlich sind und man ihnen gegenüber sehr vorsichtig sein muss. Untersuchungen zeigen, dass das nicht der Fall ist. Die meisten psychisch Erkrankten sind eher sehr ängstlich. Sie haben mehr Angst vor den normalen Menschen als das man vor ihnen Angst haben müsste. Ein Arzt hat mal geäußert: „Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie vom 18jährigen gesunden Sohn eines Nachbarn tätlich angegriffen werden, ist wesentlich größer als von einem psychisch Kranken verletzt zu werden." Wir nehmen vor allem wahr, wenn in der Zeitung steht, dass ein psychisch Erkrankter etwas Schlimmes getan hat. Journalisten schlachten so etwas gerne aus. Es begehen aber viel mehr „normale" Menschen Straftaten als dass ein psychisch Erkrankter Schaden anrichtet.

Psychische Krankheiten sind ja inzwischen zu Volkskrankheiten geworden. In der „Hitliste" der Erkrankungen rangieren psychische Erkrankungen auf Platz vier nach Rückenschmerzen, Atemwegserkrankungen und Verletzungen.

Wenn psychische Erkrankungen zu Volkskrankheiten geworden sind, warum sind sie dann immer noch ein Tabuthema?

Schöniger: Das ist eine gute Frage. Ich glaube, es liegt daran, dass wir vor Menschen, die psychisch krank sind, immer noch ein bisschen Angst haben. Viele denken, es habe etwas mit dem Menschen selbst zu tun, er müsse doch selbst schuld haben. Bei Depressionen, wo jemand nicht in Gang kommt, sich zu nichts aufraffen kann, da denkt man schnell: Der soll sich doch nicht so anstellen. Im Arbeitsleben ist es so, dass andere Kollegen mit belastet werden, wenn jemand z.B. an einem burnout leidet. Die Kollegen haben dann mehr zu tun, weil er seine Arbeit nicht schafft. Das verursacht natürlich Ärger. Ich glaube auch, dass viele Menschen psychische Erkrankungen für etwas halten, was sie nie ereilt. Ganz viele Menschen können sich zwar vorstellen, warum sie Alkoholiker werden könnten – der Verlust des Arbeitsplatzes, der Tod eines Kindes, der finanzielle Ruin. Psychisch krank zu werden kann und will sich aber keiner vorstellen. Deshalb ist es immer noch so, dass psychisch kranken Menschen misstrauisch begegnet wird.

Woran merkt man selbst, dass eine psychische Erkrankung droht?

Schöniger: Es gibt im Internet und in Informationsbroschüren Informationsblätter und Fragebögen, die ein Hinweis geben können. Dort werden Fragen gestellt und ab einer gewissen Punktzahl wird empfohlen, einen Arzt zu Rate zu ziehen. Vielleicht kommt dabei heraus, dass man an der Grenze zum burnout ist. Natürlich ist auch das Gespräch mit Freunden sinnvoll. Und dann sind wir ganz schnell bei der Frage: Was hilft denn, nicht psychisch krank zu werden? Das ist schwierig und einfach zugleich. Denn was schützt ist das, was sowieso hilft und Spaß macht. Zum Beispiel Joggen, Musik hören, etwas mit Freunden unternehmen, soziale Kontakte pflegen. All das, was man bei Seite schiebt wenn man im Stress oder überarbeitet ist hilft, sich vor psychischen Krankheiten zu schützen.

Das Gespräch führte Angelika Schmidt.

Stand: 23.04.2013

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