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Inklusion aus theologischer, fachlicher und ökonomischer Sicht

Im Gespräch: Vorstandsvorsitzender Oberkirchenrat Urs Keller, ehemaliger Finanzvorstand Robert Bachert und Vorstand Soziale Arbeit, Kirchenrat Jürgen Rollin

Inklusion ist ein Schwerpunktthema der Diakonie Baden. Grundlage ist die entsprechende UN Konvention, die auch von Baden-Württemberg fordert, die Voraussetzungen zu schaffen, damit Menschen mit und ohne Behinderungen gleichberechtigt miteinander leben können.

Theologische Sicht

Rollin: Inklusion aus theologischer Sicht. Herr Keller sie sagen, dass Inklusion aus theologischer Sicht einen perspektiven Wechsel erfordert.

Keller: Mein Impuls, zu einem theologischen Perspektiv-wechsel aufzurufen, entstammt zunächst nicht aus der Theologie, sondern aus der Sozialpsychologie. In der sozialpsychologischen Forschung wurde eindrücklich belegt, dass wir alle ein Bild von unserer sozialen Umgebung haben. Wir arbeiten also mit Annahmen, wie unsere soziale Umgebung ist, wie sie sich verhält, was sie von uns erwartet. Diese Annahmen entwickeln wir im Laufe unserer individuellen und gesellschaftlichen Sozialisation. Sie wirken auf unser Denken und Handeln, um es verkürzt ausdrücken.

Rollin: Können Sie dies in Bezug auf das Thema Inklusion verdeutlichen?

Keller: Wenn wir z.B. jemanden begrüßen, dann arbeiten wir mit solchen Annahmen. Wir sagen „Guten Tag" und reichen dazu unsere Hand. Wir nehmen an, dass unser Gegenüber auch „Guten Tag" sagt und uns seine Hand reicht. Was passiert, wenn einer nicht nach diesen Annahmen handelt, also z. B. ein Fremder uns statt der Hand unvermittelt einen Kuss auf die Wange drückt, um ein harmloses Beispiel zu nennen. Es entsteht Irritation. Wenn man dies nun weiterdenkt und sich vorstellt, dass keine unserer Annahmen bestätigt würden, wir also ohne Annahmen sozial handeln müssten, dann wären wir am Ende sozial handlungsunfähig.

Wie bei der Begrüßung so arbeiten wir auch mit sozialen Annahmen wie behinderte Menschen sind, was sie brauchen, wie sie sich verhalten und so weiter. Ich weiß, dies klingt sehr plakativ und müsste differenzierter ausgeführt werden. Diese Annahmen, die jedoch da sind, sind umso festgelegter, je unreflektierter sie übernommen werden und je weniger wir die Chance oder die Notwendigkeit hatten, sie zu korrigieren. Kurz: Wir nehmen behinderte Menschen immer aus unserer Perspektive wahr und treffen so Annahmen über sie.

Rollin: Was bedeutet dies nun für die theologische Perspektive?

Keller: Wenn man so will, dann begegnen uns in den Evangelien zwei diakonische Modelle. Das eine Modell ist der Barmherzige Samariter. Er sieht denjenigen, der unter die Räuber gefallen ist und handelt. Er trifft seine Annahmen über die Bedürfnisse des Opfers und handelt. Was ja auch gut ist. Problematisch wird diese „Samariterdiakonie" erst an der Stelle, wo sie auf Menschen trifft, die nicht wie in der Erzählung halbtot daliegen, also nicht handlungsfähig sind, sondern wo diese Menschen sich durchaus äußern könnten, wir sie jedoch in unserem diakonischen Handlungsimpuls gar nicht fragen, sondern einfach mit unseren Annahmen arbeiten und daher schon wissen, was für sie gut und richtig ist. In der Heilung des Blinden Bartimäus (Markus 10), der alle mit seinem Schreien nervt, sodass sie ihn schließlich zu Jesus lassen, damit dieser schnell das tut, was so offensichtlich ist, durchbricht Jesus diesen Handlungsstrang mit einer für alle unerwarteten Frage an den blinden Bartimäus. Jesus fragt ihn: „Was willst du, dass ich für dich tun soll?" Diese Frage ist der Perspektivenwechsel. Jesus arbeitet nicht mit seinen sozialen Annahmen. Er macht mit seiner Frage den Blinden zum Subjekt. Er soll bestimmen, was Jesus für ihn tun soll. Inklusion, um unser Thema aufzunehmen, kann nur dort gelingen, wo wir bereit sind die Perspektive zu wechseln, unsere sozialen Annahmen zu hinterfragen und die behinderten Menschen Subjekt sein zu lassen.

Rollin: Wo finden sich diese Ansätze in gesetzlichen Rahmenbedingungen wieder?

Keller: Liest man die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, dann liegt genau dieser Perspektivenwechsel zugrunde. In der Heilung des Bartimäus haben wir ein biblisches Modell für den notwendigen Perspektivwechsel, ohne den die Inklusion und das praktische Leben der UN- Konvention nicht gelingen wird.

Fachliche Sicht

Bachert: Inklusion aus fachlicher Sicht. Herr Rollin was bedeutet das Thema Inklusion für die Mitglieder des Diakonischen Werks Baden in fachlicher und konzeptioneller Hinsicht?

Rollin: Bereits seit einiger Zeit suchen unsere stationären Einrichtungen durch Feste und andere Aktivitäten Kontakt zu der Bevölkerung. Zu Festen wird die Bevölkerung im Ort eingeladen. So schaffen die Einrichtungen Begegnungsmöglichkeiten zwischen Bewohnern und anderen Bürgern. Das ist wichtig. Denn wenn Inklusion gelingen soll, müssen die Menschen zunächst die Gelegenheit haben, sich kennen zu lernen. Selbstverständlich hat der Wunsch zur Inklusion auch konzeptionelle Folgen. Die Einrichtungen treiben jetzt die Dezentralisierung voran. Das bedeutet neue Wohnformen wie ambulant Betreutes Wohnen, Außenwohngruppen, selbstständiges Wohnen.

Bachert: Wie sehen die Grundlagen für die Entwicklung neuer Angebote konkret für die Diakonie in Baden aus?

Rollin: Jeder Mensch muss entscheiden dürfen, wie er leben möchte- auch Menschen mit Behinderungen, die in unseren Einrichtungen wohnen. Wenn also jemand ausziehen möchte, um selbstständig zu wohnen, dann setzen die Einrichtungen alles daran, ihn darin zu unterstützen. In manchen Fällen müssen die Beteiligten sich eingestehen, dass der Betreffende noch nicht selbstständig genug ist. Manchmal stellt sich heraus, dass sein Zuhause nur in der stationären Einrichtung bleiben kann. In vielen Fällen gelingt es, Menschen mit Behinderungen selbstständiges Wohnen zu ermöglichen, das anfangs von einem Sozialarbeiter der Einrichtung begleitet wird. Da ist es wichtig, es auf die individuellen Bedürfnisse des Betreffenden zuzuschneiden. Ob Inklusion gelingt, hängt letztlich nicht nur vom guten Willen des Betroffenen und der Einrichtung ab. Das braucht außerdem eine geeignete Infrastruktur, ein aufgeschlossenes soziales Umfeld. Als Diakonisches Werk Baden unterstützen wir unsere Mitglieder darin durch fachliche und wirtschaftliche Beratung.

Bachert: Gibt es Schwerpunkte bei der Verbesserung der Inklusionsorientierung der Angebote der Diakonie in Baden

Rollin: Das ist regional sehr verschieden und eine Frage der Analyse des Umfeldes, der Kapazitäten der Einrichtung und ihrer Kooperation mit Sozialhilfeträger, Lokalpolitik, Verbänden und Vereinen vor Ort. Entscheidend ist meiner Meinung nach, dass die Einrichtungen Inklusion wollen und diese entsprechend ihrer Möglichkeiten vorantreiben. Ob Inklusion gelingt, ist letztlich eine Frage des Ressourceneinsatzes und der Ressourcensteuerung. Mir ist besonders wichtig, dass wir die Bedürfnisse behinderter Menschen ernst nehmen und wertschätzend mit ihnen umgehen. Dazu gehört für mich auch eine effektive Gestaltung des persönlichen Budgets. Dadurch kann jemand selbst entscheiden, wann und wofür er Hilfe in Anspruch nehmen möchte. Die Ausgestaltung des persönlichen Budgets ist für mich eine wesentlicher Punkt, an dem sich zeigt, ob und wie wir Inklusion leben wollen.

Ökonomische Sicht

Keller: Inklusion aus finanzieller Sicht. Herr Bachert was bedeutet für sie die Umsetzung der Inklusion für die Diakonie in Baden?

Bachert: Der Gedanke der Inklusion von Menschen in der Gesellschaft der sich zum Beispiel im Koalitionsvertrages Baden-Württemberg wiederfindet, wird von uns ja ausdrücklich befürwortet. Inklusion kann auch realisiert werden über ein Leben in einer stationären Einrichtung oder einer ambulanten Maßnahme und erfordert die Weiterentwicklung unserer Leistungsangebote und Einrichtungen.

Keller: Sie sprechen von finanziellen Ressourcen, die benötigt werden, um die Inklusion in den Einrichtungen und ambulanten Maßnahmen umzusetzen. Wie hoch sind die Kosten, die auf die Diakonie in Baden zu kommen, wenn es um den Umbau der Einrichtungen und Dienste geht zum Beispiel auf Grund gesetzlicher Anforderungen?

Bachert: Die Heimbauverordnung fordert zum Beispiel im Altenhilfebereich 100 Prozent Einzelzimmer. D.h. jeder betreute Mensch hat einen Anspruch auf ein Leben in einem Einzelzimmer. Die Verordnung lässt nur unter wirtschaftlichen, technischen oder konzeptionellen Bedingungen, Ausnahmeregelungen zu. Dies bedingt Umbaukosten von Gebäuden bei gleichbleibender Belegung, es wird Kosten durch Belegungsrückgänge und im laufenden Betrieb erzeugen sowie Kosten für den Umbau anfallen lassen. Reine Kosten (Baukosten: Gebäude und Ausstattung) pro neuem Platz (mittelfristig) entstehen in folgender Höhe: Für die Altenhilfe: 80.000 Euro pro Platz 5.900. Das sind insgesamt 472 Millionen Euro. Für die Jugendhilfe: 70.000 Euro pro Platz 1.200. Das sind insgesamt 84 Millionen Euro. Für die Eingliederungshilfe entstehen Kosten von 80.000 Euro pro Platz 2.000. Das sind dann 160 Millionen Euro. Insgesamt fallen bei vorsichtiger Schätzung allein in der Diakonie in Baden an reinen Baukosten rund 700. Millionen Euro an.

Keller: Was für Kosten spielen noch eine Rolle?

Bachert: Es kommen Kosten der Dezentralisierung und Kosten für den Rückbau der Infrastruktur hinzu. Hier werden vor allem Kosten für die Stilllegung von Gebäuden entstehen. Daneben fallen Kosten des Um- oder Abbaus der Infrastruktur z.B. bei Komplexträgern an. Beispiele dafür sind: Kosten der Instandhaltung oder des Abbaus vorhandener Infrastruktur. Gemeint sind hier Wasseraufbereitungsanlagen, Kanalisation, Straßen, Zentrale Küchen und Fernwärmeanlagen aber auch Kosten wegen neuer gesetzlicher Regelungen: zum Beispiel des Energieeinspargesetzes und des Brandschutzes.

Keller: Welche Anliegen hat die Diakonie aus ihrer Sicher gegenüber der Politik und den Städten und Gemeinden?

Bachert: Dazu möchte ich drei Gesichtspunkte benennen: 1. Die reinen Kosten der Realisierung der Inklusion bei den vorhandenen Einrichtungen und Diensten betragen in der Diakonie in Baden rund 700 Millionen Euro. Die Städte und Kommunen werden gebeten hier ihren Beitrag zu leisten und auskömmliche Investitionsvereinbarungen mit den Anbietern zu treffen. 2. Die Diakonie ist bereit über entsprechende Programme ihre Mitglieder bei diesem erforderlichen Umbau fachlich zu begleiten und finanziell zu unterstützen. So steht vom Diakonischen Werk Baden ein Darlehensfonds in Höhe von rund 50 Millionen Euro zur Verfügung. 3. Vor allem für die Dezentralisierung und den Abbau der Infrastruktur werden zusätzliche Gelder benötigt. Politik, Städte und Gemeinden sollten die nötigen Gelder zum Beispiel im Rahmen von Stadtentwicklungsprogrammen zusätzlich zur Verfügung stellen.

Stand: 04.04.2013

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