Erster selbstständiger Dolmetscherpool in Baden-Württemberg gewinnt Innovationspreis 2012 der Diakonie Baden

Der erste selbstständige Dolmetscherpool für Eltern im Landkreis Rastatt hat den Diakonie-Innovationspreis 2012 in Baden gewonnen.


02.02.2012 - Kongress Soziale Arbeit

Gewinner des Diakoniepreises 2012, Fr. Flossmann, Fr. Schuler (Diakonisches Werk Rastatt) mit Hr. Jürgen Stobbe (Bruderhilfe)

Alle Preisträger des Diakoniepreises 2012, Johannes Brenz Altenpflege gGmbH Wolfach, Diakonische Werk Breisgau-Hochschwarzwald, Diakonisches Werk Rastatt, Bodelschwingh-Heim Weinheim (v.l.n.r.)

Das sogenannte „Rastatter Modell“ soll Vorbild für Kommunen in Baden-Württemberg sein, um die Kommunikation zwischen fremdsprachigen Eltern, Behörden und Schulen zu verbessern. Der Preis wurde heute Abend auf dem Diakonie-Kongress "Die Würde des Menschen ist unantastbar" in Bad Herrenalb verliehen.

Die Gewinner des Diakoniepreises „gehören zu denen, die die Zukunft der Demokratie sichern durch ihre Phantasie, durch ihre Kreativität und durch ihren Einsatz“, sagte Prof. Dr. Heribert Prantl (Süddeutsche Zeitung) aus München in seiner Laudatio zur Preisverleihung. Zur „wirklichen Elite“ Deutschlands „gehören die Menschen, die sich in Wohlfahrtsverbänden, in sozialen Initiativen, Vereinen, Bürgerstiftungen, in Betriebsräten und Mitarbeitervertretungen engagieren- an der Basis der Demokratie.“

„Als ich sah, wie Kindern für ihre Eltern bei Themen wie Abschiebung oder Vergewaltigung dolmetschen mussten, weil da sonst niemand war, hat es mir nahezu das Herz zerrissen. Kinder können mit so etwas nicht umgehen. Ich habe Kinder gesehen, die sind beim Übersetzen in Tränen ausgebrochen,“ begründet eine der Initiatorinnen, Mehrnousch Zaeri, Bildungsberaterin und Mitarbeiterin der Diakonie Baden-Baden/ Rastatt ihr Engagement. „So ein Dolmetscherpool, der die Eltern nichts kostet, in dem die Übersetzenden geschult sind und auch psychologische Begleitung in Anspruch nehmen können, war schon immer mein Traum.“

„Wenn wir das Bildungssystem in Baden-Württemberg auch im Hinblick auf benachteiligte Kinder und Jugendliche verbessern wollen, dann ist es unerlässlich, dass die Schulen eine gute Elternarbeit machen, um sprachliche Hindernisse zu überwinden. Dazu gehören Sprachkurse für Eltern und gute Dolmetscherdienste, damit die Eltern die Bildung ihrer Kinder unterstützen können,“ so Jürgen Blechinger, Jurist im Diakonischen Werk Baden, zuständig für Migration und Flüchtlingsarbeit.

Die beiden Initiatorinnen Mehrnousch Zaeri und Annika Schuler hatten für den Diakoniepreis ein fiktives Tagebuch eines 14jährigen Mädchens aus Afghanistan eingereicht, in dem die Problematik deutlich wird: „Heute kam ein neues Mädchen in unsere Klasse. Sie ist aus Afrika. Sie kann überhaupt kein Deutsch. Ich weiß wie sie sich fühlen muss. Aber wenigstens kann sie Englisch. Da können wenigstens die Lehrer mit ihr reden. Meine Sprache konnte damals keiner… Einmal musste ich für einen Jungen übersetzen, der seine Lehrer dauernd ärgert. Und dann hat seine Mutter ihn voll angeschimpft und ich hab alles verstanden. Ich hoffe, dass ich nie wieder so was übersetzen muss.“

Vor allem in schwierigen Lebenssituationen sei es wichtig, dass Menschen sich in ihrer Muttersprache äußern und ausdrücken können, so Blechinger. Für die Dolmetschenden gehe es dabei nicht nur um die richtige Übersetzung der Worte sondern darum, dass sie den Sprechenden verstehen können.

Ein Jahr hatte es gedauert, bis alle Kooperationspartner beisammen und ein Konzept fertig war. Zu den Kooperationspartnern gehören: die Stadt Rastatt, das Schulamt, das Landratsamt-Jugendamt, die Volkshochschule und der örtliche Caritasverband. Gemeinsam haben sie ein Netzwerk auf die Beine gestellt, das morgen (3.2.2012) feierlich in Rastatt aus der Taufe gehoben wird. In einer ersten Pilotphase von einem halben Jahr soll ermittelt werden wie groß der Bedarf an Dolmetschern im Landkreis Rastatt ist, geeignete Dolmetscher aquiriert werden und das neue Angebot in Schulen, Kitas und Behörden bekannt gemacht werden.

Für den Dolmetscherpool haben sich bisher bereits vier Übersetzer gemeldet. Weitere werden gesucht. Honoriert wird ihre Arbeit aus einem Spendenfonds, der ebenfalls jetzt gegründet wird. Denn das Netzwerk will ohne Zuschüsse von außen klar kommen. Bisher mussten Eltern sich selbst Übersetzende suchen, oder bekamen professionelle Übersetzung vermittelt, die sie aber selbst bezahlen mussten.

Der Preis der Diakonie Baden für innovative Projekte und der diesjährige Sonderpreis werden gefördert von der Bruderhilfe Pax Familienfürsorge und dem Baden-Württembergischen Genossenschaftsverband. Den zweiten Platz belegte das Projekt Pfad-Finder der Diakonie Breisgau-Hochschwarzwald. Darin geht es um soziales Lernen und die Vermittlung sozialer Kompetenzen. Auf Platz drei kam das Projekt „Rollbeet“ der Johannes Brenz Altenpflege in Wolfach Die kreative Idee mobiler Beete für demenzkranke und nicht mehr mobile Patienten im Pflegeheim. Einen Sonderpreis erhielt das Bodelschwingh-Heim in Weinheim für sein Projekt „Innerbetriebliche Gesundheitsprävention“ im Pflegeheim.


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