Die Zivis waren "das Sahnehäubchen" in der sozialen Arbeit

Nach 50 Jahren beenden die letzten Zivis in der bundesdeutschen Geschichte ihren Dienst / Bundesfreiwilligendienst in der Diakonie in Baden-Württemberg ist gut angelaufen


15.12.2011 - Freiwilligendienste

Letzter Zivi Matthias Schmitt aus Mannheim, neben Martina Kisling; Diakoniewerkstatt Neckarau. Foto: Schmidt

Maximilian Fischer, Matthias Schmitt, Manuel Fuchs, Jürgen Wallenwein (von links)mit Martina Kisling. Foto: Schmidt

Der erste Bufdi in Deutschland begann seinen Bundesfreiwilligendienst am 1. Juli 2011 in der Diakonie in Baden-Württemberg. Jetzt beenden die letzten Zivis auch in der Diakonie in Baden-Württemberg ihren Dienst. Damit endet ein Stück bundesdeutscher Nachkriegsgeschichte. An der Schaffung des Zivildienstes von rund 50 Jahren waren die Kirchen damals maßgeblich beteiligt. Rund 75.000 junge Männer haben in den letzten 50 Jahren ihren Zivildienst in Einrichtungen und Diensten der Diakonie in Baden-Württemberg abgeleistet. Seit dem 1. Juli 2011sind landesweit in die diakonischen Einrichtungen bereits 550 Bundesfreiwillige eingestiegen.

Auch Matthias Schmitt (20) hört jetzt auf. Zum letzten Mal wird er mit der dort beschäftigten Martina Kisling in der Werkstatt Neckarau der Diakonie Mannheim Kartons falten, ihr zuhören, mit ihr sprechen, für die behinderte junge Frau da sein. "Schade", sagt der junge Mannheimer, "dass es den Zivildienst jetzt nicht mehr geben wird. Es war eine gute Sache. Er bringt einen weiter im Leben. Ich weiß jetzt mehr über behinderte Menschen und wie ich mit ihnen umgehen kann." Die Erfahrungen des Zivildienstes haben Matthias dazu gebracht, dass auf ein Studium der sozialen Arbeit zugehen will.

Maximilian Fischer (23) hat diesen Schritt in seinem Leben bereits getan. Nach seinem Zivildienst in der Diakonie Mannheim hat er dort eine Ausbildung zum Heilerziehungspfleger begonnen. "Im Zivildienst bekam ich Arbeiten zugeteilt. In meiner Ausbildung kann ich viel selbstständiger arbeiten", sagt er.

Bei Manuel Fuchs ist es genau anders herum gelaufen. Nach seiner Ausbildung zum Schreiner beschloss er, mehr mit Menschen zu arbeiten und wird in der Mannheimer Diakonie eine Ausbildung zum Arbeitserzieher machen. Im Zivildienst hat er erlebt, dass er behinderten Menschen etwas "beibringen" konnte und viel für sich persönlich zurück bekam. In der Zeit bis zur Ausbildung macht er Bundesfreiwilligendienst. Maximilian meint, dass auch der Bundesfreiwilligendienstgut laufen wird auch wenn er nicht verpflichtend ist wie der Zivildienst sondern freiwillig.

Verändert habe ich der Zivildienst in den 50 Jahren nicht, meint Jürgen Wallenwein (52) Zivi der ersten Generation und erster Zivildienstleistender in der Mannheimer Diakonie. Der gelernte Außenhandelskaufmann arbeitet heute in der Werkstatt und in der Beruflichen Bildung behinderter Menschen. "Die Erfahrungen damals waren prägend für mich", sagt er. "ich habe den Zivildienst ganz bewusst gemacht, das Verweigerungsverfahren in Kauf genommen und durchgestanden."

"Der Zivildienst hat für die diakonischen Einrichtungen und auch in den Biographien der Zivis viel Gutes bewirkt", resümiert Achim Heinrichs, im Diakonischen Werk Baden zuständig für den Zivildienst und jetzt für den Bundesfreiwilligendienst. "Und das, obwohl es ein Pflichtdienst war und in die Lebensplanung der jungen Männer stark eingegriffen hat. Manche hätten von sich aus keine soziale Tätigkeit begonnen." Zivildienst, das habe geheissen: Von der Schulbank in die Verantwortung für Menschen. Ein gutes Gefühl haben, eine sinnvolle Tätigkeit und dass man dies auch von den Betreuten gespiegelt bekam. Geduld entwickeln und sehen, dass es noch anderes auf der Welt gibt als das eigene bisherige Umfeld. Heinrichs: "Die Zivis haben gewusst, dass sie gebraucht werden."

In der Diakonie in Mannheim waren in den 50 Jahren rund 500 Zivis. "Ich bin optimistisch", sagt Vorstand Thomas Diehl. "Wir werden auch nach dem Zivildienst genug Freiwillige gewinnen können, wenn wir die Aufgaben attraktiv gestalten. Für viele junge Männer war der Zivildienst eine Zeit der beruflichen Orientierung. Auch der Bundesfreiwilligendienst kann dies sein. Nach wie vor wollen viele junge Leute etwas Praktisches machen. Wir hatten 25 Zivis im letzten Jahr und haben jetzt 10 Bufdis. Wir hatten in 2010 zehn FSJler und haben jetzt 15." Als Mitarbeiterersatz habe Diehl die Zivis nie gesehen:

"Sie waren das Sahnehäubchen in unserer Arbeit mit behinderten und alten Menschen."

 


« Zurück