Sommerinterview


11.09.2017 -

Der Evangelische Pressedienst (epd) hat mit dem Vorstandsvorsitzenden der Diakonie Baden, Urs Keller, ein Sommerinterview geführt. Keller ist auch Oberkirchenrat der Evangelischen Landeskirche in Baden und damit dort verantwortlich für den Bereich Diakonie. Der studierte Theologe und Soziologe sprach über die Herausforderungen für die Diakonie durch neue sozialpolitische Gesetze und die Armut in Baden-Württemberg. Das Gespräch führten Leonie Mielke und Achim Schmid.

 

epd: Derzeit gibt es in den sozialpolitischen Themen viele Entwicklungen. Sei es das Bundesteilhabegesetz, die Heimbauverordnung 2019 oder das Thema Inklusion. Welche Anforderungen stellen diese neuen Gesetzeslagen an die Diakonie?

 

Keller: Das sind ganz gewaltige Herausforderungen, da bleibt kein Stein auf dem anderen. Durch das Teilhabegesetz, das die Behindertenhilfe massiv verändert, sind vor allem die Einrichtungen elementar betroffen. Es geht da beispielsweise um neue Bedarfszumessung, Finanzierungsfragen und um teilstationäre oder stationäre Betreuung, also um einen Prozess der Dezentralisierung. Die Heimbauverordnung 2019 sieht zu hundert Prozent Einzelzimmer in den Einrichtungen vor, was zwangsläufig eine immense Aufgabe für unsere Altenhilfe ist.   

Derzeit entwickeln wir eine Inklusion-Prozessbeschreibung zum Aktions- und Handlungsplan der Landeskirche, sowohl auf der Seite des Diakonischen Werks als auch auf der Seite der Landeskirche, den wir auf der Synode vorschlagen wollen.

 

epd: Eine Herausforderung ist ja wohl auch das Verhältnis und die Kooperation mit den Kirchengemeinden?

 

Keller: Das ist und bleibt ein Dauerthema. Die Situation ist jedoch sehr unterschiedlich. Es gibt Gemeinden, die schon von sich aus diakonisch unterwegs sind, wenn sie beispielsweise eine Kita oder einen Besuchsdienst haben, und Gemeinden, in denen Kirche und Diakonie unverbunden nebeneinander stehen. Dazu kommt noch, dass viele Gemeinden zurzeit sehr damit beschäftigt sind, wie sie mit geringeren Mitgliederzahlen oder ihren Immobilien umgehen sollen. Das bindet natürlich Ressourcen. Wir haben jedenfalls als Diakonie die Kirchengemeinden auf dem Zettel und suchen Kontakt zu den Gemeindepfarrern. Im Rahmen unseres "Verbandsentwicklungs-Prozesses" haben wir die freie Diakonie und die Kirchengemeinden zu Regionalkonferenzen eingeladen. Es geht dabei hauptsächlich darum, Kontaktflächen zu schaffen. 

 

epd: Seit Jahren wird über Arbeitsverträge in den Kirchen gesprochen. Zur Debatte stehen der "Kirchengemäße Zweite Weg", das heißt, gewerkschaftliche Tarifverträge, oder der "Dritte Weg", das Arbeitsrecht der Diakonie und Kirche. Wie ist derzeit der Diskussionstand in der Diakonie Baden?

 

Keller: Das ist nach wie vor ein großes Thema. Im Moment ist es etwas ruhiger, aber das kann sich schnell wieder ändern. Wie Sie wissen, hat das Bundesarbeitsgericht Erfurt 2012 den Dritten Weg anerkannt, uns aber auch Hausaufgaben mit auf den Weg gegeben. Die Synode hat diese Regelungen sehr schnell umgesetzt. Die sind aber bis 2018 befristet. Bis dahin muss die Synode festlegen, wie es weitergeht. Folgen wir dem Zweiten Weg oder bleiben wir auf dem Dritten? Bei uns im Verband haben wir dazu einen langen und meiner Ansicht nach wirklich tollen Prozess gehabt, zu dem wir auch die Gewerkschaften eingeladen haben. Wir sind jetzt im Juli zu einem Abschluss gekommen. Eine überwältigende Mehrheit hat sich dafür ausgesprochen, als ein Votum für die synodalen Beratungen, den Dritten Weg beizubehalten. Er sollte allerdings optimiert werden. Einen großen Schwachpunkt sehe ich etwa bei dem Punkt Transparenz. Wie kommen die Positionen zustande, die in der Arbeitskommission verhandelt werden? Also, gibt es ein Verfahren, wie Positionen entwickelt werden? Nein, gibt es nicht. Was passiert, wenn die Kommission eine Lösung gefunden hat? Gibt es Rückkopplungsprozesse, die sie anwenden müssen? Gibt es auch nicht. Gibt es denn irgendwelche Zustimmungsprozesse mit den Pfarrern? Nein. An diesen Stellen muss der Dritte Weg weiterentwickelt werden.

 

epd: Die evangelisch-lutherische Kirche in Bayern hat Ausnahmen bei der AcK-Klausel eingeführt. Das heißt, es können jetzt auch Menschen für die Kirche und die Diakonie arbeiten, die einer anderen oder gar keiner Glaubensgemeinschaft angehören. Wie sehen Sie das?

 

Keller: Wir führen darüber keine Diskussion. Wir plädieren allerdings für einen angemessenen Umgang mit der AcK-Klausel. Was heißt das? Ich war 13 Jahre lang Vorstandsvorsitzender des Diakoniekrankenhauses Freiburg, und wir hatten 15 Prozent muslimische Geburten. In solchen Fällen braucht man jemand, der den Job einfach gut macht. Es gibt daher Bereiche der Diakonie, etwa die Kitas oder kirchenrechtlich-verfasste Sozialstationen, in denen Ausnahmen möglich sind.

 

epd: Das bedeutet, Sie finden auch ausreichend christliche Mitarbeiter. In Bayern war dies eines der Argumente, weswegen die AcK-Klausel gelockert worden ist.

 

Keller: Ja, wir haben genügend Mitarbeiter. Und ich halte nichts von diesem Argument. Denken Sie es zu Ende und stellen sie sich vor was passiert, wenn sie überhaupt keine christlichen Mitarbeiter mehr finden. Dann verliert die Diakonie an Profil - bis es sie in ihrer Form nicht mehr gibt. Ich denke lieber anders herum: Wir als Kirchen haben doch die Aufgabe Mitarbeiter zu finden, die zu uns passen. Das ist zunächst eine Profilfrage. Und wir haben das Privileg, das über eine solche Regelung machen zu können. Das würde ich nicht aufgeben. Aber wir müssen genau hinschauen. Ich kann heute nicht mehr davon ausgehen, dass jemand, nur weil er ein Kirchenmitglied ist, auch automatisch zu mir passt. Stattdessen muss ich auf die Wertehaltung achten.

 

epd: Sie sprachen soeben das Profil der Diakonie an, die sich als Wohlfahrtsverband auch in einem Konkurrenzfeld bewegt. Wo sehen Sie ihr Alleinstellungsmerkmal?

 

Keller: Das lässt sich nicht auf einem einzelnen Faktor reduzieren. Zu den Hauptfaktoren gehören natürlich die Mitarbeiter. Die sollten fachlich mindestens so gut sein wie Mitarbeiter in anderen Einrichtungen. Und unser Anspruch ist es, fachlich und evangelisch gut zu pflegen. Damit sich die Mitarbeiter entfalten können, brauche ich eine passende Kommunikations- und Unternehmenskultur, ehrenamtliches Engagement, klare Ziele, wirtschaftlichen Erfolg und ganzheitliche Räume. Am Ende entscheidet aber derjenige, der bei uns war, ob wir eine kirchliche Einrichtung sind: Wenn der herausgeht und sagt, 'Das war Diakonie!', dann haben wir es richtig gemacht.

 

epd: Sehen Sie die Diakonie gegenüber der Politik als Reparaturbetrieb - obwohl die Steuereinnahmen sprudeln, ist immer mehr soziales Engagement nötig?

 

Keller: Grundsätzlich denke ich, wir als Wohlfahrtsverbände sollten nicht nur darauf hinweisen, sondern erfahrbar machen, was für ein wertvolles sozialpolitisches Konstrukt wir mit der Subsidiarität haben. Es ist ein gesellschaftspolitisches Plus, dass Wohlfahrtsverbände so viele Aufgaben übernehmen. Die Flüchtlingskrise wäre sonst nicht zu schaffen gewesen. Für ein Land wie Baden-Württemberg ist es aber eine Schande, dass es so viel Armut gibt. Jedes Jahr werden mehr Vesperkirchen benötigt. Wir sollten dies mehr skandalisieren. Das ist ein Elend. Die Notwendigkeit von so vielen Vesperkirchen ist ein Makel für unser Land.

 

epd: Worauf lässt sich diese Entwicklung zurückführen?

 

Keller: Als eine der Ursachen dafür sehe ich die aufgehende Schere zwischen Arm und Reich. Für einen immer größer werdenden Bevölkerungsanteil wird es zunehmend schwieriger, genug zu erwirtschaften, um am Leben teilnehmen zu können. Zahlreiche Menschen kommen mit ihrem Gehalt nicht über die Runden. Das ist ebenfalls ein Skandal.

 

epd: Die Flüchtlingskrise hält auch die Diakonie Baden seit zwei Jahren in Atem. Wo steht die Diakonie?

 

Keller: Derzeit kommen die Menschen, die ein Bleiberecht haben, in den Kommunen an. Da entscheidet sich jetzt noch mal, wie Integration stattfindet. Im Moment ist die größte Herausforderung, das Geld und das Engagement, das noch da ist, so miteinander zu verbinden, dass die Menschen sich möglichst schnell zu Hause fühlen. Und Integration findet eben überwiegend über Sprache, Bildung und Arbeitsmarkt statt. Das ist die erste Ebene. Auf die zweite Ebene haben Kirchen und Wohlfahrtsverbände leider kaum Einfluss, aber wir sollten vielmehr skandalisieren, dass sich Europa eingemauert hat. Was wir brauchen, sind geregelte Zuwanderungsmöglichkeiten. Europa ist schon lange eine Einwanderungsgesellschaft. Aber an dieser Dimension des Problems rührt schon niemand mehr. Das zeigt auch, wie verletzlich der Lebensnerv der Konstruktion Europa ist. Aber wenn ich mir anschaue, wie viele Leute sich engagieren und wie viele Bündnisse entstanden sind, dann bin ich optimistisch, dass wir als Gesellschaft uns weiter verändern und gute Erfahrungen machen können.


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